Feste, die an Arbeit erinnern: warum Erntefeste mehr sind als Straßenfeste
Manche Feste feiern nur den Termin, andere feiern die Arbeit: Erntefeste gehören zur zweiten Art. Was ein echtes Erntefest vom Straßenfest unterscheidet, warum Winzerfeste die reinste Form sind und wo sie in Süddeutschland stehen.
Hubertusbläser · Magazin für Jagdhorn, Blasmusik und Brauchtum
Ein Erntefest ist ein Fest mit einer Rechnung: Es feiert, dass die Arbeit eingeholt wurde, dass das Jahr getragen hat, dass Feld, Rebe oder Obstbaum ihr Ergebnis abgeliefert haben. Genau das unterscheidet es vom Straßenfest, das nur den Termin feiert. Wo der Erntebezug echt ist, tragen die Feste die Handschrift der Arbeit, und diese Handschrift macht sie zu Brauchtum.
Woran erkennt man ein Fest mit echtem Erntebezug?
Drei Zeichen verraten ein Fest, das aus der Arbeit kommt. Erstens der Termin: Er folgt der Ernte und nicht allein dem Wochenende, und in Jahren, in denen das Wetter die Lese früher oder später zwang, verschiebt sich auch das Fest. Zweitens die Reihenfolge: Erst kommt der Dank, dann der Festbetrieb, also Segnung, Erntekranz oder Traubenaltar vor Musik und Ausschank. Drittens die Träger: Das Fest gehört denen, die die Arbeit gemacht haben, Winzern, Landwirtinnen und den Ortsvereinen. Fehlt eines der drei Zeichen, bleibt ein Dorffest, was nichts Schlechtes ist, aber eben kein Erntefest.
Auch die Musik folgt dieser Ordnung. Wo Bläser und Kapellen zum Erntedank spielen, beginnt ihr Anteil im Gottesdienst oder am Festzug, nicht auf der Bierbank; die Termine des späten Jahres, vom Erntedankfest bis zur Hubertusmesse, gehören in dieselbe Familie, wie unser Saisonkalender der Feste zeigt.
Welche Rolle spielen Lagen und Vereine bei einem Winzerfest?
Beim Winzerfest wird der Arbeitsbezug am klarsten: Das Fest gehört den Weinbergen, und was im Glas ist, wuchs auf benannten Lagen des Ortes. Die Winzervereine und Weingüter tragen das Fest, ihre Ausschänke heißen nach den Lagen, und der Festzug liest sich wie ein Inventar der Weinberge. Wer das in Reinform sehen will, findet am Bodensee eine lebendige Folge solcher Feste: Das deutschsprachige Journal Uferzeit ordnet die Winzerfeste am Bodensee in Meersburg, Hagnau und Immenstaad in die Tradition des dortigen Weinbaus ein und zeigt, wie sehr Termin und Ort aus der Rebe kommen.
Die Lage ist dabei mehr als Herkunft auf dem Etikett: Sie ist das Stück Arbeit, das gefeiert wird. Wo das Fest die Lagen nennt, feiert es konkret, wer auf welchem Hang gelesen hat; wo es nur Wein ausschänkt, ist es ein Verkaufsstand mit Musik.
Vom Schützenfest zur Kerb: Feste der Arbeit
Das Erntefest steht in einer Reihe mit anderen Festen, die an Arbeit erinnern. Das Schützenfest feiert die Übung der Bürgerwehr, die Kerb die Kirchweihe und die Arbeit des Jahres, das Erntedankfest die eingefahrenen Früchte. Gemeinsam ist ihnen, dass der Festtag eine Aufgabe abschließt oder dankbar ablegt: Schützen, Feldarbeiter und Winzer treten vor die Gemeinde, und die Gemeinde feiert mit. Genau daraus leben die Blaskapellen, denn ihre Musik begleitet den Übergang von der Arbeit zum Dank, vom Festzug in den Gottesdienst und wieder hinaus.
Wo finden Winzerfeste in Süddeutschland statt?
Süddeutschland feiert seine Winzerfeste vom Kaiserstuhl über die Pfalz bis an den Bodensee, meist zwischen Ende August und Mitte Oktober, wenn die Lese läuft oder gerade eingebracht ist. Neben den Orten am Bodensee ziehen die Feste entlang der Badischen Weinstraße ihre Reihen durch die Weinorte; Termine und Orte legt das Tourismusportal der Region auf bodensee.de jedes Jahr neu fest. Wer eines besucht, tut gut daran, den Festzug zu sehen und die Ausschänke nach Lagen zu lesen: Dann erkennt man, dass hier ein Arbeitsjahr zu Ende geht, nicht nur ein Festwochenende.
Ein Erntefest ist kein Fest mit Wein, sondern ein Wein mit Fest: Erst kommt die Arbeit, dann der Dank, dann die Musik.
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